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Zwischen Algorithmus und Verantwortung

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Dr. Clemens Schwerdtfeger über Leadership im Zeitalter von KI

Künstliche Intelligenz verändert, wie Entscheidungen getroffen werden – auch im Mittelstand. Doch während viele Unternehmen über Technologie sprechen, geht es in Wahrheit um etwas Grundsätzlicheres: um die Haltung, mit der Führung gestaltet wird.
Im Interview erklärt Dr. Clemens Schwerdtfeger, Managing Partner der Dr. Schwerdtfeger Personalberatung, warum KI die Rolle der Führungskräfte neu definiert, welche Kompetenzen künftig zählen und weshalb menschliche Urteilskraft auch im digitalen Zeitalter unverzichtbar bleibt.

1. Herr Dr. Schwerdtfeger, KI ist aktuell eines der meistdiskutierten Themen in der Wirtschaft. Wie stark verändert sie aus Ihrer Sicht die Führungsarbeit im Mittelstand?

Dr. Schwerdtfeger: Künstliche Intelligenz verändert die Art, wie Entscheidungen entstehen. Führung wird datenbasierter, aber nicht automatischer. Im Mittelstand bedeutet das: Führungskräfte müssen lernen, Technologie als strategisches Werkzeug zu verstehen, nicht als Bedrohung. KI entlastet von Routinen, zwingt aber zugleich dazu, Prioritäten neu zu ordnen und Verantwortung bewusster wahrzunehmen.

2. Bedeutet das, dass Erfahrung und Intuition in Zukunft weniger wichtig werden?

Dr. Schwerdtfeger: Ganz im Gegenteil. Erfahrung bleibt die Grundlage guter Führung, sie bekommt nur eine neue Dimension. Daten können Entscheidungen vorbereiten, aber sie ersetzen kein Urteil. Die Kunst liegt darin, Erfahrung und Information zu verbinden. Das nennen wir „digitale Urteilskraft“, also die Fähigkeit, Daten zu verstehen, ohne sich von ihnen dominieren zu lassen.

3. Welche Kompetenzen werden für Führungskräfte dadurch besonders wichtig?

Dr. Schwerdtfeger: Führung im digitalen Zeitalter verlangt mehr als technisches Verständnis. Sie erfordert strategische Urteilskraft. Entscheidend sind nicht einzelne Fähigkeiten, sondern die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erkennen und Entscheidungen in unsicheren Kontexten zu treffen.
Führungskräfte müssen lernen, mit Widersprüchen umzugehen: Geschwindigkeit versus Sorgfalt, Datenlogik versus Menschenverstand, Innovation versus Stabilität. Wer diesen Spagat beherrscht, schafft Orientierung. KI verändert also weniger das Was der Führung, sondern das Wie. Sie macht deutlich, dass echte Führung dort beginnt, wo kein Algorithmus mehr weiterweiß.

4. Viele Mittelständler gelten als bodenständig und pragmatisch. Wie offen ist diese Gruppe für den Einsatz von KI und für neue Führungsmodelle?

Dr. Schwerdtfeger: Der Mittelstand ist oft weiter, als man denkt. Viele Unternehmen setzen längst datenbasierte Lösungen ein, sprechen aber nicht darüber. Gleichzeitig gibt es Vorbehalte, vor allem, wenn es um kulturelle Themen geht. KI zwingt Führung dazu, transparenter und reflektierter zu werden und das fällt nicht jedem leicht. Der entscheidende Erfolgsfaktor ist, wie offen Führungsteams mit Unsicherheit umgehen.

5. Welche Rolle spielt Unternehmenskultur in diesem Wandel?

Dr. Schwerdtfeger: Eine zentrale. KI kann Prozesse automatisieren, aber keine Haltung formen. Unternehmen, die Offenheit, Lernbereitschaft und Dialog fördern, werden erfolgreicher durch den Wandel gehen. Führung heißt heute nicht mehr: „Ich entscheide und ihr führt aus.“ Es heißt: „Wir verstehen gemeinsam, was richtig ist.“ Das erfordert Vertrauen und Mut zur Veränderung.

6. Und welche Verantwortung trägt die oberste Führungsebene in diesem Prozess?

Dr. Schwerdtfeger: Sie muss vorleben, was sie fordert. Führungskräfte auf C-Level sind heute mehr denn je Sinnstifter. Sie müssen erklären, warum Technologie eingesetzt wird – nicht nur, wie. Wenn Mitarbeitende erkennen, dass KI dem Unternehmen und seinen Werten dient, nicht umgekehrt, entsteht Akzeptanz.

7. Herr Dr. Schwerdtfeger, abschließend: Wie kann eine Personalberatung Unternehmen in diesem Wandel unterstützen?

Dr. Schwerdtfeger: Wir verstehen uns als strategischer Sparringspartner und als Entwickler von Führungspersönlichkeiten. Einerseits unterstützen wir Unternehmen im Executive Search dabei, die passenden Führungskräfte zu identifizieren und für sich zu gewinnen. Andererseits begleiten wir sie auch bei der Entwicklung bestehender Führungsteams mit Hilfe moderner Eignungs- und Potenzialdiagnostik, die Stärken sichtbar macht und gezielte Empfehlungen für die individuelle Weiterentwicklung ermöglicht.

In der Suche setzen wir KI-gestützte Tools ein, um Prozesse zu beschleunigen und die Passgenauigkeit zu erhöhen, wie etwa bei der Analyse von Kompetenzprofilen oder im Matching. Doch sobald es um die direkte Ansprache und Beurteilung von Kandidatinnen und Kandidaten geht, bleibt der menschliche Faktor entscheidend. Erfahrung, Einfühlungsvermögen und ein diskretes, individuell abgestimmtes Vorgehen sind hier durch nichts zu ersetzen.

Wir verlassen uns dabei nicht allein auf Intuition, sondern kombinieren unsere Erfahrung mit den Ergebnissen der Eignungsdiagnostik. So verbinden wir datenbasierte Objektivität mit menschlicher Urteilskraft. Ein Zusammenspiel, das in Zeiten von KI immer wichtiger wird.
Unsere Stärke liegt genau in dieser Balance: Wir nutzen Technologie als Werkzeug, um präziser und effizienter zu arbeiten, verstehen Führung aber weiterhin als zutiefst menschliche Aufgabe.

 

KI wird die Arbeit in den Chefetagen verändern, aber sie nimmt Führungskräften nicht das Denken ab. Im Gegenteil: Je stärker Technologie in Entscheidungen eingebunden ist, desto wichtiger werden Reflexion, Empathie und Verantwortungsbewusstsein.
Führung bleibt menschlich, auch im digitalen Zeitalter. Oder, wie Dr. Schwerdtfeger es zusammenfasst: „Künstliche Intelligenz fordert uns, echte Intelligenz wieder stärker zu leben.“

 

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